Legacy Software modernisieren: Was es kostet und warum es sich lohnt
von Viktor Eigenseer, Software Architect & Gründer
Das Wartungsproblem: 78 % Ihres Budgets verschwinden
Die Software läuft. Irgendwie. Aber der Entwickler, der sie gebaut hat, ist seit Jahren weg. Dokumentation gibt es nicht. Und jede kleine Änderung fühlt sich an wie russisches Roulette.
Das hat einen Preis. Und der ist höher als die meisten denken.
Aktuelle Zahlen zeigen: 78 % des durchschnittlichen IT-Budgets fließen in die Wartung und den Betrieb bestehender Systeme. Nicht in neue Features, nicht in Innovation – sondern ins bloße Aufrechterhalten.
Für ein Unternehmen mit 100.000 € IT-Budget pro Jahr bedeutet das: 78.000 € nur dafür, dass die Software nicht abstürzt.
Was Legacy-Software wirklich kostet
Was auf der Rechnung steht, ist nur ein Teil der Geschichte:
Direkte Kosten
- Wartung: Alte Frameworks, veraltete Abhängigkeiten und fehlende Sicherheitsupdates erzeugen laufende Kosten
- Fehlerbehebung: Jeder Bug in einem undokumentierten System dauert 3–5x länger als in einem modernen
- Hosting: Veraltete Systeme laufen oft auf teurer, dedizierter Infrastruktur statt in der Cloud
Versteckte Kosten
- Mitarbeiterfluktuation: Gute Entwickler wollen nicht an 15 Jahre altem Code arbeiten
- Opportunity-Kosten: Jede Stunde, die in Wartung fließt, fehlt für neue Features
- Workarounds: Mitarbeiter entwickeln manuelle Prozesse, weil die Software nicht mehr passt
- Sicherheitsrisiken: Veraltete Systeme ohne Patches sind Einfallstore für Angriffe
Die Rechnung, die niemand macht
Ein mittelständisches Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, die täglich 30 Minuten mit Software-Workarounds verlieren:
50 Mitarbeiter × 0,5 Stunden × 45 € Stundensatz × 220 Arbeitstage = 247.500 € pro Jahr
Eine Viertelmillion – nur für Workarounds. Darin sind weder IT-Kosten noch Frustration noch verlorene Kunden enthalten.
Modernisierung vs. Neuentwicklung
Die erste Frage, die jedes Unternehmen stellt: Neu bauen oder modernisieren?
Neuentwicklung
| Kosten | 150.000–500.000+ € |
| Dauer | 12–24 Monate |
| Risiko | Hoch – das neue System muss alles können, was das alte kann |
| Betrieb | Parallelbetrieb nötig, Migration komplex |
Schrittweise Modernisierung
| Kosten | 40–60 % weniger als Neuentwicklung |
| Dauer | Erste Verbesserungen nach 4–8 Wochen |
| Risiko | Gering – das bestehende System bleibt lauffähig |
| Betrieb | Kein Parallelbetrieb, keine Big-Bang-Migration |
In den meisten Fällen ist schrittweise Modernisierung der bessere Weg. Neuentwicklung klingt verlockend, aber wenn 70-80 % der Funktionen schon da sind, ergibt ein Komplettneubau selten Sinn.
Die 4 Stufen der Modernisierung
Stufe 1: Übernahme und Analyse (2–6 Wochen)
Bevor irgendetwas geändert wird, muss das System verstanden werden. Das bedeutet:
- Code-Analyse: Was tut die Software? Wo sind die kritischen Stellen?
- Risiko-Assessment: Was kann ausfallen? Was passiert dann?
- Abhängigkeiten: Welche externen Systeme sind angebunden?
- Dokumentation: Erstmalige Dokumentation der Architektur und Geschäftslogik
Ergebnis: Ein vollständiger Übernahme-Report mit 90-Tage-Roadmap.
Stufe 2: Stabilisierung (2–4 Monate)
Jetzt wird aufgeräumt – aber gezielt. Nicht alles auf einmal, sondern nach Priorität:
- Kritische Sicherheitslücken schließen
- Automatisierte Tests einführen (damit Änderungen sicher sind)
- Monitoring aufsetzen (damit Probleme sichtbar werden)
- CI/CD-Pipeline etablieren (damit Deployments planbar werden)
Ergebnis: Ein System, das stabil läuft, überwacht wird und sicher geändert werden kann.
Stufe 3: Modernisierung (fortlaufend)
Ab hier wird modernisiert – Modul für Modul:
- Veraltete Abhängigkeiten aktualisieren
- Monolith aufbrechen in überschaubare Module
- Cloud-Migration wo sinnvoll (oft 30–50 % Infrastruktur-Ersparnis)
- Schnittstellen modernisieren (APIs statt Dateiexporte)
Stufe 4: Weiterentwicklung (dauerhaft)
Das System ist jetzt in einem Zustand, in dem neue Features wieder Spaß machen:
- Neue Anforderungen können schnell umgesetzt werden
- KI-Integration wird möglich (automatisierte Dokumentation, Prozessautomatisierung)
- Skalierung ist kein Problem mehr
Was Modernisierung konkret kostet
Drei typische Szenarien aus der Praxis:
Kleines System (bis 50.000 Zeilen Code)
- Branchensoftware, Lagerverwaltung, internes Tool
- Übernahme + Stabilisierung: 15.000–25.000 €
- Monatlicher Retainer: ab 3.900 €
- ROI nach: 6–9 Monaten
Mittleres System (50.000–200.000 Zeilen)
- ERP-Erweiterung, Kundenportal, Produktionssystem
- Übernahme + Stabilisierung: 25.000–50.000 €
- Monatlicher Retainer: ab 5.500 €
- ROI nach: 9–12 Monaten
Großes System (200.000+ Zeilen)
- Kerngeschäftssoftware, Multi-Standort-System
- Übernahme + Stabilisierung: 50.000–80.000 €
- Monatlicher Retainer: ab 8.000 €
- ROI nach: 12–18 Monaten
Der Markt bewegt sich
Immer mehr Unternehmen erkennen, dass Abwarten teurer ist als Handeln. IT-Modernisierung steht 2026 bei den meisten Mittelständlern ganz oben auf der Agenda.
Jedes Jahr, das ein Legacy-System unmodernisiert weiterläuft, kostet:
- Steigende Wartungskosten (alte Technologien werden immer schwerer zu finden)
- Wachsende Sicherheitsrisiken (keine Patches, keine Updates)
- Sinkende Mitarbeiterzufriedenheit (frustrierende Tools = frustrierte Mitarbeiter)
- Verlorene Wettbewerbsfähigkeit (während die Konkurrenz ihre Systeme modernisiert)
Die fünf häufigsten Fehler
1. „Das läuft schon noch ein paar Jahre" Stimmt – aber jedes Jahr wird es teurer. Und wenn es dann wirklich ausfällt, ist es ein Notfall.
2. „Wir bauen einfach alles neu" Klingt gut, scheitert oft. 70 % der IT-Großprojekte liegen über Budget oder Zeitplan.
3. „Wir suchen erst mal einen günstigen Freelancer" Günstig einsteigen, teuer nachbessern. Ohne Verantwortung und langfristiges Commitment wird nichts besser.
4. „Erstmal dokumentieren wir alles" Dokumentation ohne anschließende Aktion ist verschwendetes Geld. Dokumentation muss Teil des Modernisierungsprozesses sein.
5. „Das können unsere Leute nebenher machen" Modernisierung braucht Fokus und Erfahrung. Das Tagesgeschäft leidet, und die Modernisierung kommt nicht voran.
So sieht das in der Praxis aus
Theorie ist das eine – hier sind drei echte Beispiele:
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Access-System modernisiert statt neu gebaut: Ein Metallbaubetrieb hatte 85.000 € in zwei gescheiterte Neuentwicklungen gesteckt. Wir haben das bestehende Access/VBA-System in 12 Wochen schrittweise in eine moderne .NET-Anwendung überführt – für 18.000 € Einmalkosten. → Case Study Bauer Metallbau
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Delphi-Lagersoftware über 3 Standorte vereinheitlicht: Eine 16 Jahre alte Delphi-Anwendung lief nur am Hauptsitz. Wir haben sie zu einer webbasierten Multi-Standort-Lösung modernisiert. Fehlbestände sanken um 78 %. → Case Study Schuster Haustechnik
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Azure-Dashboard vom verschwundenen Freelancer gerettet: Ein Kundendashboard mit Login, Buchung und Zahlungen – ohne Betreuer. In 3 Wochen übernommen, in 9 Wochen stabilisiert. → Case Study Reiser Reisen
So starten Sie richtig
Der pragmatische Einstieg in drei Schritten:
- Ehrliche Bestandsaufnahme – Was kostet Ihr Legacy-System wirklich? (Wartung + Workarounds + Risiko)
- Prioritäten setzen – Was verursacht die meisten Schmerzen? Fangen Sie dort an.
- Experten holen – Jemand, der die Verantwortung übernimmt und dauerhaft dranbleibt.
Fazit
Je länger ein Legacy-System unverändert weiterläuft, desto teurer wird jede Veränderung. Modernisierung muss aber kein Großprojekt sein – Modul für Modul, mit klarer Verantwortung, lässt sich das Risiko gut beherrschen.
Ihr System ist in die Jahre gekommen und niemand traut sich ran? Lassen Sie uns gemeinsam draufschauen →
